100 Jahre

"Pflanzenköstlerkolonie"

Woltersdorf - Schönblick

1903 - 2003
Schönblick 'BerlinerStraße'



Im Herbst des Jahres 1902 wurden auf den Feldern am Nordwestrand Woltersdorfs zum letzten Mal die Ernten eingebracht. Bereits seit dem Sommer waren Vermesser dabei, abgesteckte Landstücke zu protokollieren und Meßpfosten zu setzen. Der Kaufmann Bruno Wilhelmi hatte das Grenzland zwischen Königlichem Stadtforst und Woltersdorfer Landgemeinde von den Woltersdorfer Landbesitzern Siebe, Staab, Pieper und Körper erworben, um einen weiteren Versuch einer "Vegetarierkolonie" zu starten. Hauptauftraggeber war der Kaufmann Louis Siebe aus Berlin. Daß beide dabei nicht ganz uneigennützig vorgingen, sei dahingestellt, auf alle Fälle brachte allein Wilhelmi es im Jahre 1903 auf 130 Grundstücksverkäufe. Insgesamt hatte Wilhelmi 230 Morgen aufzuteilen. Die meisten der Käufer waren Berliner Geschäftsleute und besserbetuchte Handwerker, allerdings gab es auch etliche Künstler, Rentner und Beamte unter ihnen. Im westlichen Teil Schönblicks wurden 1904 etwa 80 Morgen Bauernland durch den Kaufmann Heinrich Polte aufgeteilt. Polte und Wilhelmi waren friedliche Konkurrenten nebeneinander.

Der Name "Schönblick" stammte vom damals in Erkner lebenden Poeten Alexis Claude und wurde bei einem Spaziergang mit Wilhelmi über die Hügel der heutigen Maienhöhe befunden. "Einen schönen Blick habt ihr hier...", sagte damals Claude zu seinem Begleiter. Dieser wiederum erwiderte: "Ja, genau einen schönen Blick haben wir hier, das genau ist der Name, den ich noch brauche, 'Schönblick'."

Am 4. 5. 1903 bringt Wilhelmi den Antrag über ein "Villenterrain Schönblick" bei der Gemeindebaukommission ein. Am 14. 12. 1906 wird der Name amtlich anerkannt.

Aber bereits im März und beschlußfassend am 8. April 1904 trafen sich die frischgebackenen Grundstücksbesitzer im Lokal Pamona bei Speisewirt Weber in der Berliner Mauerstraße 67 und gründeten den "Grundbesitzerverein von Schönblick". Natürlich war Weber auch einer der neuen Schönblicker. Sie gaben bald auch die Zeitung "Echo" heraus, welche später zur "Woltersdorfer Zeitung" firmierte. Von 28 Mitgliedern stieg die Zahl auf 188 im Jahre 1907 und 233 im Jahre 1920. Louis Siebe war bereits 1908 gestorben. Wilhelmi selbst starb plötzlich im Jahre 1909 und wurde in Woltersdorf zu Grabe getragen. Andere Geschäftsteilhaber und Sohn Edwin Wilhelmi mußten sein nunmehr aufgeteiltes Erbe antreten und die Siedlungspolitik in seinem Sinne fortführen. Der Schwung des Gründungsenthusiasten, der einstmals durch die Straßen Schönblicks zog, war allerdings verloren gegangen. Schon existierten zwei, bald drei miteinander konkurrierende Grundstücksmaklerfirmen nebeneinander. In den ersten 7 Jahren allerdings war viel Grundlegendes geschaffen worden. Wasserversorgung, 1903 bis 1905 noch per Wasserwagen, 1906 bereits aus drei Tiefbrunnen (1904 der erste Berliner-/Ecke Fasanenstraße) und 1908/09 dann aus allen Hähnen sowie die Stromversorgung 1910, die Gasversorgung 1914. Bereits 1908 entstand der Wald-Promenadenweg und der Tunnel am Bahnhof Wilhelmshagen und ein Großteil der Straßenbefestigung (die übrigens erst in diesem Umfang, bis auf wenige hundert Meter in den 80er Jahren dazwischen, in den 90er Jahren fortgesetzt wurde). 1910 nahm man den ersten Anlauf für eine Straßenbahnbaugesellschaft. Der Versuch schlug fehl, die geldgebenden Geschäftsleute waren pleite gegangen. 1911 der zweite mit Vehemenz durch Kaufmann Polte vorangetriebene Versuch, ernste Streitigkeiten um die Streckenführung, aber letztendlich ein positives Ergebnis. Am 13. Mai 1913 fuhr die erste Straßenbahn von Woltersdorf Schleuse durch Schönblick zum Vorortzug Bahnhof Rahnsdorf. Neben Spenden für die Bahnbaukosten wurde auch das Wartehäuschen Fasanenstraße 1914 vom Grundbesitzerverein Schönblick gebaut. Mit dem ersten Weltkrieg schlief das Vereinsleben gänzlich ein. Nach dem Krieg, reichlich dezimiert, traf man sich wieder. Die Not stand allen bis zum Halse. Etliche Witwen konnten das noch nicht abgezahlte Anwesen nicht mehr halten, viele gaben auf, verkauften ihr Haus, zogen wieder fort. Der Grundbesitzerverein schloß sich noch mit dem alten Grundbesitzerverein Woltersdorf zusammen. Aber schon bald brach das Dritte Reich an. Das Vereinsleben schlief abermals ein, die Mitglieder gingen in anderen politischen Vereinen oder in der Parteiortsgruppe "Schönblick" auf. Die meisten der Schönblicker werden "stramm" so wie viele andere Woltersdorfer auch. Dann wieder Ausbruch des Krieges, wieder Dezimierung der Urschönblicker bzw. ihrer Erben. 1945 wird nicht nur die Partei aufgelöst, sondern auch sämtliches Vereinsleben für die kommenden 44 Jahre verboten. Die späteren Woltersdorfer Genossen hatten keine eigene "Ortsgruppe Schönblick" mehr vorgesehen.

Nach der politischen Wende 1989/90 wurde auf Grund der Rückübertragungsansprüche auch wieder eine Neuaufteilung des unbebauten "Schönblicks" angeregt. Seit 1994 entstanden neue Siedlungs-komplexe entlang der Berliner Straße, in Hohenberge und Klein Schönebeck. Obwohl Millionen für die sogenannte „Planung“ verausgabt wurden, hielt man sich mit den Grobflächigen Bebauungs- und Straßenplan letztlich an die aus den 10er- und 20er Jahren. Mit dem traditionellen, hübschen, kleinen Heim auf eigener großer Scholle haben diese Bauten allerdings nichts mehr gemeinsam. Die Demos-Siedlung, - der nach endlosen Querelen und Konkursen diverser Subunternehmer 1998/99 fertiggestellte Hauptkomplex neuer Siedlungshäuser, entlang der Berliner Straße, zwängt enge Reihenhäuser dicht aneinander mit Gärten von weniger als 10x10 Metern Kantenlänge. Wilhelmi und Polte, denen kapitalistisches Gebaren nachgesagt wird, würden sich für ihre Nachfolgemakler schämen und im Grabe umdrehen.Arno Rensch mit Frau Elsa
Ein weiterer berühmter Schönblicker der ersten Stunde, der Musiker Arno Rentsch.

Neben vielen eigenen Kompositionen gestaltete er auch die musikalische Umrahmung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin mit. Von der Jahrhundertwende bis etwa 1940 leitete er das Musikleben in Woltersdorf und war Musikdirektor mehrerer Konservatorien in Berlin. Er wohnte von 1905 bis kurz vor seinem Tod 1942 in Schönblick. In Deutsch-Österreich gestorben wurde er in Woltersdorf begraben.1956 folgte ihm seine Frau. Die Gräber wurden dank "fürsorglichem Interesse" der Kirch- wie Ortsgemeinde Woltersdorfs um 1980 eingeebnet.